Elf Geschworene und kein Richter

Elf Geschworene und kein Richter.

327695111_6603fec871Ich hetze in die Arbeit. Heute ist Personalversammlung. Mist. Ich komme zu spät. Und ich muss doch ganz vorne sitzen, seit dem ich im Personalrat fast kein Ersatzmitglied mehr bin, sondern bald ein vollwertiges Mitglied. Mist. Ich stehe mit dem Auto an der Schranke und wo ist jetzt meine Stempelkarte. Scheiße. Ich leere meine Handtasche aus. Nichts. Unterm Sitz. Nichts. Ich klingle nach dem Empfangsroboter. Er lässt sich heute aber ganz schön bitten. Nachdem ich das halbe Auto auseinander genommen habe und meine Stempelkarte immer noch nicht gefunden habe, resigniere ich und gehe hoch. Ich werde mich jetzt vom Empfangsroboter eine Ersatzstempelkarte ausleihen müssen und dann werd ich wohl zu allem Überfluss einen Korrekturzettel ausfüllen müssen. Und um die Gnade der Parteisekretärin betteln und hoffen, damit ich meine Stunden nachgetragen kriege.

Die Personalversammlung hat noch nicht angefangen, ich kann also noch meine Jacke noch hochbringen. Der Empfangsroboter ist gnädig und lasst mich nur 5 Minuten warten, bis er mich hoch lässt. Bei diesem Hochsicherheitstrakt kann man ja nur paranoid werden. Ich hetze nach oben, werfe meine sieben Sachen von mir und hetze mit einem obligatorischen Klemmbrett bewaffnet wieder nach unten. Ich treffe meine Personalratsmitglieder im Aufzug und meinen Vorgänger im Foyer. Gut, ich bin nicht zu spät. Ich quetsche mich mit der Jugendvertretung in die erste Reihe. Ich habe noch bis Ende des Jahres Schonfrist, bis ich dann bei der Personalversammlung den ganzen Mitarbeitern gegenüber sitzen muss. Ab dem nächsten Jahr ist also alles zu spät.

Mal wieder in meinen Gedanken versunken, fällt mir nicht auf, dass meine Jugendvertretung eine Uniform an hat und einen Gummiknüppel in der Hand hält. Den sie jetzt gelassen immer wieder in ihre Hand schlägt. Ich schaue nach rechts und erst beim zweiten Blick bemerke ich es, dass sie mich ziemlich z’wider ansieht. Meine männlichen Personalratsmitglieder sind gar nicht mehr da. Vor mir sitzen 11 Frauen (Weiber) aus unserer Verwaltung und sie haben alle merkwürdige Roben und Perrücken an. Die Parteisekretärin schwinkt einen Hammer. Himmel, jetzt kriege ich es langsam mit der Angst zu tun. Ich schaue hinter mich und beobachte den Empfangsroboter aus alten Stasibeständen dabei, wie er meine Personalratsmitglieder und den Geschäftsführer unserer Verwaltung an die Heizung kettet. Sie haben alle Knebel im Mund.

‚Frau Rösner, Sie sind angeklagt, den Fensterputzer mit Zuhilfenahme körpereigenem Teufelswerk zu widerlichen Dingen benützt, ihn im Dienst verführt und sich an ihm gelabt zu haben. Holt den Kronzeugen!‘ kam es aus allen 11 Mündern gleichzeitig. Hinter mir höre ich Handschellen klicken. Normalerweise hätte mir das Spaß gemacht, aber nicht wenn der Mann mit der Stricherlliste hinter mir steht. Da kommt mir höchstens die Galle hoch. Ich kniee übrigens auf so einer Gebetsbank.

Mein Chef wird an Ketten hereingeführt und an eine weitere Gebetsbank geführt. Der Erfüllungsgehilfe aus alten Stasibeständen stößt ihn unsanft in seine Gebetsbank. Dabei geht ihm bestimmt einer ab. Hm. Ich will das glaube ich gar nicht wissen, wem bei was einer abgeht, aber der Gedanke drängt sich ja förmlich auf.

‚Sie haben ausgesagt, dass die Angeklagte mit dem Fensterputzer Unzucht auf der Fensterbank getrieben habe.‘ sagen wieder die 11 eingeschworenen Richterinnen einstimmig.

Mein Chef hat einen Knebel im Mund, wie soll er da antworten. Der Erfüllungsgehilfe hält ihm den Kopf und lasst ihn dann los. Er ist so erschöpft, dass sein Kopf auf seine Brust sinkt. Die Schweine haben ihn bestimmt gefoltert, um diese Aussage von ihm zu bekommen.

‚Frau Rösner, aufgrund der hiermit bewiesenen Verfehlungen und wegen Anwendung von Teufelswerk, werden Sie als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Leugnen und widerrufen ist wegen der Schwere dieses Falles nicht möglich. Das Urteil wird sofort vollstreckt. Führt sie ab!‘ Der Hammer fällt auf den Tisch und im nächsten Moment brenne ich schon auf dem Scheiterhaufen. Die 11 eingeschworenen Richterinnen tanzen ums Feuer, wie die Hexen. Ganz hinten kann ich den Fensterputzer erkennen, wie er traurig die Fenster zum Innenhof reinigt. Er wirft mir noch eine Kusshand zu und dann schwinden meine Sinne.

Mit einem spitzen Schrei schrecke ich hoch. Neben mir sitzt meine Jugendvertretung und sie hat keine Uniform an. Scheiße, ich bin mitten in der Rede des Geschäftsführers eingeschlafen. Ich kann spüren, wie alle Mitarbeiter mich anstarren. Wie gut dass ich diesmal noch mit dem Rücken zu allen sitze.

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