Drei und eine Axt – Teil 9

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 9

Der Sklaventreiber war stehen geblieben und schon sammelten sich ekelhaft geifernde Kaufwillige um das Mädchen. Sie konnte kaum älter als Halef sein. Als ihr einer den letzten Fetzen vom Leib riss, sah Kejnen, dass nicht nur ihre Schenkel blutverschmiert waren, sondern auch ihr Rücken.

Kejnen humpelte in die Menge und packte sich den Sklaventreiber.

‚Das ist aber keine wohl feine Ware mehr, wenn sie schon benutzt ist!‘

‚Damit Ihr keine Scherereien mehr mit ihr habt, habe ich sie schon mal eingeritten.‘ lachte der Sklavenhändler süffisant. Der Geifer lief ihm dabei aus dem Maul. Kejnen musste sich wirklich zurückhalten, ihn nicht auf der Stelle danieder zu strecken.

‚Sie taugt ja kaum zum Arbeiten, so wie Ihr sie zugerichtet habt, da müsst Ihr mir teures Gold geben, damit ich die Heiler bezahlen kann. Nicht dass sie mir weg stirbt, bevor ich mit ihr zu hause ankomme.‘

‚Wollt Ihr sie nun, oder wollt Ihr sie nur schlecht machen?‘ brüllte der Sklavenhändler laut. Er wollte wohl die Aufmerksamkeit der anderen Interessenten auf sich lenken.

Kejnen spielte nur mit den drei Goldbrocken in seiner Hand.

‚Gebt mir die drei Gold und dann verschwindet mit ihr! Bevor ich meine Geduld verliere!‘

Kejnen schlug in den Handel ein und als sich seine Hand wieder von der des Sklaventriebers löste, war er drei Gold ärmer, aber die Kleine war nun in Sicherheit. Das Mädchen hatte sich ängstlich am Boden zusammengekauert und umklammerte die Überreste ihrer Kleidung. Kejnen packte sich den Strick und zog sie aber an ihrer Schulter aus der Menge. Als sie außer Sichtweite waren, wickelte er sie erst in seinen Klappenmantel, zückte dann sein Messer und schnitt ihr die Fesseln und den Knebel durch. Verstört blickte sie ins Leere, es schien so, alles hätte sie keine Kraft mehr zu weinen.

‚Dir wird nichts mehr angetan werden, du bist jetzt in Sicherheit.‘ flüsterte ihr Kejnen zu, es hatte aber den Anschein, dass sie nicht begriff, was er sagte.

Irgendwann blickte sie ihn endlich an. Er hatte das Gefühl, dass sie sich von seinem Anblick erschrocken haben muss, weil ihr jetzt doch die Tränen in den Augen standen. So liebevoll wie möglich, nahm er sie in den Arm und versuchte sie mehr schiebend als tragend in Richtung ihres Zeltes zu befördern.

Dort angekommen hatte Halef bereits Feuer gemacht, Wasser aufgekocht, das Pferd abgeladen und Tee und Essen zubereitet. Wie er das in dieser kurzen Zeit vollbracht hatte, war ihm wahrscheinlich selbst völlig unerklärlich.

‚Kümmere dich um sie, ich berichte dem Khan und ich besorge ihr etwas zum Anziehen und Schuhe.‘ meinte Kejnen, als er Halef die Kleine übergab, dann wand er sich ab und verschwand fluchend wieder.

Vorsichtig bugsierte er das Mädchen ins Zelt und versuchte sie auf seine Felle zu setzen, die seine Bettstatt darstellten. Ihr Blick war leer und sie starrte einfach nur nach draußen zum Feuer. Frische Tränen waren auf ihrem verdreckten Gesicht getrocknet. Behutsam nahm er sie am Kinn, strich ihr die zerzausten Haare aus dem Gesicht und hielt ihr gleichzeitig einen Becher mit Tee hin, den er ihr sogleich an den Mund führte. Sie trank vorsichtig und blickte ihn dabei über den Becherrand hinaus mit ihren unglaublichen Augen an. Tränen standen darin. Er war mit der Situation mehr als überfordert und wusste im ersten Moment nicht so richtig, was er zu ihr sagen oder was er machen sollte. Mit zitternden Fingern nahm sie den Becher von ihren Lippen und hielt ihn Halef mit beiden Händen wackelig hin. Da er leer war goss er neuen Tee hinein und sprach zu seiner eigenen Überraschung mit einer festen aber ruhigen Stimme: ‚Vorsicht heiß!‘ Sie trank ein wenig. Beim Versuch, den Becher abzustellen, hätte sie ihn beinahe verschüttet, wenn er ihn nicht festgehalten hätte. Er stellte den Becher in sicherer Reichweite ab und stand dann auf und rührte im Kessel, der über der Feuerstelle hing. Hastig füllte er eine Schale mit dem, was er auf die Schnelle zusammen gekocht hatte. Dazu reichte er ihr Gewürzbrot. Sie war so kraftlos, dass sie kaum die Schale halten konnte, also fütterte er sie. Nach ein paar Bissen verweigerte sie die Nahrungsaufnahme. Er überspielte dies mit einem Achselzucken, nahm den Löffel selbst in den Mund und stellte die Schale neben ihnen ab. Er goss das restliche Wasser in eine Schüssel und suchte nach einigen Kräutern und Tinkturen, die Ziska ihnen mitgegeben hatte. Ohne seinen Blick von ihr zu wenden, warf er einige Kräuter ins Feuer und goss ein wenig Öl ins Wasser. Mit Seife, dem Wasser, mehreren Tüchern und Ziska’s Notfallbeutel bewaffnet, kniete er sich zu ihr und begann ganz vorsichtig ihr Gesicht, ihre Hände und Füße zu waschen. Ganz vorsichtig versorgte er ihre Schrammen.

Der Duft der Kräuter, die auf der Glut ihr volles Aroma entfalteten, drangen ins Zelt. Er schickte ein Stoßgebet an alle Götter und dankte dafür, dass seine Tante ihm die Tinktur gegen Wundbrand mitgegeben hatte. ‚Man kann ja nie wissen!‘ hatte sie zu ihm gesagt und dann hatte sie ihm noch Ziska’s Schöne Träume eingepackt, mit den Worten: ‚Doppelt genäht hält besser.‘ Zum Glück war er selber immer der beste Patient seiner Tante gewesen und so hatte er am eigenen Leib gelernt, was jetzt zu tun war.

Er bedeckte sie zuerst mit einer Decke, bevor er sie von dem Mantel befreien wollte. Ohne Gegenwehr lies sie das alles über sich ergehen. Als er den Mantel über den Rücken hinunter zog, stockte ihm der Atem. Sie war ausgepeitscht worden, denn ihr Rücken bestand eigentlich nur aus fleischig roten Striemen. Er rang nicht nur mit seiner Fassung, sondern kämpfte auch mit seinen eigenen Tränen. Mit zitternden Händen zog er ihre Arme unter der Decke hervor und legte den Mantel nur lose um ihre Hüften. Er wickelte die Überreste des Lederstricks von ihren Handgelenken und warf diese ins Feuer, bevor er ihre Arme wusch. Durch die Fesselung war auch die Haut an ihren Gelenken bis aufs Fleisch durch gescheuert. Sorgsam behandelte er diese Wunden zuerst und verband sie, bevor er sich ihrem Rücken widmen würde. Mit einer verkrampften Körperhaltung klammerte sie die Decke mit beiden Armen gegen ihre Brust. Sie erahnte bereits, dass die Behandlung ihres Rücken keineswegs schmerzfrei werden würde. Er zog eine Flasche aus Ziska’s Tasche und schüttete einen Schluck des Inhalts in ihren Becher. ‚Das hier hilft gegen einfach alles, aber es brennt wie Feuer!‘ meinte er und hielt ihn ihr vor die Nase. ‚Verdünnt kann man es fast trinken.‘

Sie nahm den Becher mit beiden Händen und blickte ihn fragend an. Er war aufgestanden und goss sich ebenfalls einen Becher Tee ein und schüttete sich einen Schluck aus der Flasche dazu. ‚Einen großen Schluck von Ziska’s schöne Träume und es sind alle Sorgen nur noch Schäume, sagt meine Tante immer.‘ rezitierte Halef und stürzte sich den Inhalt des Bechers in den Rachen. Bereits beim Schlucken beutelte es seinen ganzen Körper. Als er den Becher abgesetzt hatte, trank das Mädchen noch. Mit einem angewiderten Ausdruck in ihrem Gesicht nahm sie den Becher von ihren Lippen und lies ihn dabei fast fallen. Halef fing ihn auf und lächelte ihr entgegen. ‚Jetzt kennst du schon meine Tante, ihren Kräutertrunk und ihre Lebensweisheit und ich habe mich selbst noch gar nicht vorgestellt.‘ meinte Halef. Der Trunk hatte ihm die Zunge etwas gelockert. Er zog ein Band unter einem Fell hervor und begann ganz vorsichtig ihre langen braunen, völlig zerzausten und verschmutzen Haare vom verklebten Rücken zuziehen und sie zusammen zubinden. ‚Ich bin Halef! Willst du mir deinen Namen verraten?‘

Der Knebel hatte sich in ihren Haaren verfangen gehabt und war nun auf den Mantel gefallen. Er blickte ihr von der Seite aus ins Gesicht, sie blickte ihn aber nur an und sagte nichts. Er hielt ihren Bernsteinaugen nicht stand und senkte den Blick zum Boden, wo er dann den Knebel entdeckte. Fast beiläufig nahm er ihn auf und betrachtete ihn etwas genauer. Das grobe Stück Holz war völlig zerbissen und Blut getränkt. Plötzlich schossen ihm viele grausame Bilder durch seinen Kopf. Er riss die Augen auf, er zog blitzartig die Luft ein und als er die Luft wieder aus seinen Lungen stieß, waren die Bilder weg. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er machte eine hastige Bewegung, sprang auf und wand sich ab. Wütend warf er den Knebel ins Feuer und schaute noch einen Moment in die Flammen, bis ihn ihr Gewimmer aus seinen Gedanken riss.

Genauso hastig wie er aufgesprungen war, stürzte er wieder an ihre Seite. Ihr angstvoller Blick lies ihn in der Bewegung erstarren, dann begriff er, dass er sie gerade ziemlich erschreckt haben musste. Während ihm völlig unbewusst beruhigende Laute über seine Lippen kamen, versuchte er sie behutsam aber umständlich in den Arm zu nehmen, ohne dabei ihre Wunden zu berühren. Mit einer Hand fischte er den Lumpen aus dem Wasser und lies das mittlerweile handwarme Wasser über ihren Rücken laufen. Ein Zucken schoss durch ihren Körper und sie klammerte sich zitternd an seinem Oberkörper. Das Wasser löste den gröbsten Schmutz und floss in den Mantel, auf dem sie immer noch saß. Er schöpfte mit der Hand immer wieder Wasser über ihren Rücken und tupfte mit einem sauberen Tuch die Wunden trocken. Bei jeder Berührung, so sanft sie auch gewesen waren, zuckte sie schmerzerfüllt zusammen und klammerte sich noch fester an seinen Körper. Vorsichtig beträufelte er die Wunden mit der Tinktur. Noch bevor er mit der Prozedur fertig war, sank sie kraftlos auf seinen Schoß und blieb dort erschöpft liegen. Ihr Körper bebte vor Schmerzen und er versuchte sie irgendwie davon abzulenken, in dem er ihr behutsam ihr Haar streichelte.

Als sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte, machte er ihr noch einen Kräuterumschlag, auf den er sie bettete. Dabei versuchte er gleichzeitig den Mantel unter ihrem Hintern herauszuziehen und ihr eine gefaltete Decke unter den Kopf zu schieben. Mit ausgestreckten Armen brachte er den nassen Mantel nach draußen, um ihn dort irgendwo aufzuhängen. Es dämmerte bereits. Er setzte noch einmal Wasser auf und streute wieder Kräuter in die Glut. Der Wind blies erneut den betörenden Duft ins Zelt. Als er wieder das Zelt betrat, war das Mädchen bereits eingeschlafen. Schwer seufzend setzte er sich neben ihren schlafenden Körper und zog die Decke bis auf ihre Hüfte herab und fuhr mit der Waschung fort. Die Worte seiner Tante schossen ihm durch den Kopf: ‚Wer anfängt, muss auch weitermachen!‘

Selbst in dem schummrigen Licht, dass vom spärlichen Feuer herrührte, konnte er erkennen, dass ihr Oberkörper von vielen Blutergüssen und Bissspuren übersät war. Er band die Enden des Rückenumschlags quer über ihre Brust, bevor er sie wieder zudeckte. Seine Hände begannen wieder an zu zittern, als er sich daran machte ihre Oberschenkel und ihren Unterleib zu waschen. Vor Scham hielt er dabei die Augen weitestgehend geschlossen, deswegen bemerkte er auch nicht, dass sie bereits wieder erwacht war. Ihr Gesicht war Tränen überströmt, aber sie blickte ihn mit einem fast unmerklichen Lächeln dankbar an. Mit einer fahrigen Bewegung lies er den blutigen Lappen in die Schüssel fallen. Der Versuch das Lächeln zu erwidert, erstarb auf seinem Gesicht, als er seine eigenen blutigen Hände sah. Hastig nahm er die Schüssel mit dem blutigen Waschwasser und eilte aus dem Zelt. Draußen goss er das Wasser aus und erneute es. Er zog seinen Gürtel und eine seiner Tuniken aus und wusch sich rasch.

Als er mit der Schüssel mit frischen Wasser und seiner Tunika unter dem Arm das Zelt wieder betrat, hatte sie sich aufgesetzt und die Decke immer noch fest klammernd, versuchte sie gerade aufzustehen. Hastig stellte er die Schüssel am Zelteinfang ab und eilte ihr entgegen. Die Decke rutschte ihr aus der Umklammerung, als sie strauchelte. Geschickt hielt er ihren Sturz auf und wickelte sie gleichzeitig wieder in die Decke. Angestrengt blickte sie ihn an. Ihre Beine knickten wieder ein und sie griff sich zwischen die Beine.

Als er begriff, dass sie sich wahrscheinlich nur erleichtern wollte, riss sie sich bereits wieder los. Er stürzte ihr hinterher und konnte ein weiteres Straucheln nur verhindern, weil er sie hoch hob und an der Feuerstelle vorbei trug. Behutsam setzte er sie wieder ab und half ihr dabei die Decke hoch zuraffen. Sie konnte sich kaum in der Hocke halten, so stützte er sie weiter. Zitternd klammerte sie sich an ihm fest. Ihm kamen wieder beruhigende Laute aus der Kehle, während sie sich erleichterte. Sie wimmerte und stöhnte schmerzerfüllt und mit einem erstickten Schrei brach in seinen Armen zusammen, noch bevor sie fertig war. Zitternd bugsierte er sie zum Feuer zurück und wusch sie erneut. Die Decke war wie durch ein Wunder sauber geblieben, bloß der Kräuterumschlag war bei dem Gerangel ein wenig verrutscht. Sicherheitshalber zog er ihr doch lieber seine Tunika an, bevor er sie wieder ins Zelt brachte.

Liebevoll legte er sie auf seine Felle zurück und deckte sie behutsam zu. Ihr Atem war ruhig und gleichmäßig. Am Ende seiner Kräfte und nervlich völlig am Ende sackte er neben ihr auf die Knie. Nach einer Weile lehnte er sich gegen seinen Sattel, den er vorhin auf die neue Jurtenhaut gelegt hatte und deckte sich mit seinem eigenen Klappenmantel zu.

Nach einer Weile kam sie wieder zu sich und bemerkte, dass er neben ihr eingeschlafen war. Sie kroch zu ihm hinüber, legte den Kopf auf seinen Bauch und klammerte sich an seinen Arm. Genau so schlief sie sofort wieder ein.

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